Was bedeutet Stimmsitz?
Wie kann man Resonanzen im Körper spüren?
Wie kann man sauber intoniert singen?
Mit diesen Themen möchten wir uns in diesem Kapitel auseinandersetzen.

Was bedeutet Stimmsitz?
Wenn man singt (und spricht), dann strömt die eingeatmete Luft aus der Lunge wieder nach außen. Dabei fließt sie je nach “Art des Lautes” durch Mund und/oder Nase aus dem Körper heraus. Durch die Schwingung des Klangs können Resonanzräume im Körper angesprochen werden, so dass sie “mit resonieren” und den Klang verstärken bzw. verändern.
Stimmsitz bedeutet, dass die Resonanzräume in Kopf und Nase mitschwingen und so den Ton verstärken. Der Name erklärt sich so, dass es sich für Sänger anfühlt, als würde die Stimme “in der Nase sitzen” bzw. einen “Platz/Sitz haben”. Beim Singen ohne Stimmsitz dagegen hat man den Eindruck, dass die Stimme sehr unsicher und instabil “im Raum herumschwebt/-irrt”.
Wie kann man Stimmsitz finden?
Ein guter Stimmsitz entsteht, wenn die Resonanzräume im Körper “die richtige Form” haben, so dass der Klang mit den Räumen resonieren kann. Da die Teile unseres Vokaltraktes sehr beweglich sind, suchen wir also Positionen für Gaumen, Zunge usw., die einen passenden Resonanzraum kreieren.
Sehr gut und “fein” kann man den Stimmsitz mit Summen üben. Dabei wird sanft und entspannt gesummt, zunächst gerne auf freier, wechselnder, “schleifender” Tonhöhe.
Folgende Anregungen gebe ich dabei:
- Der Hals soll unbedingt locker und entspannt sein. (Man kann einen Stimmsitz erreichen, indem man den Hals verengt, aber das ist natürlich nicht der Weg, der für eine gesunder Gesangstechnik zu empfehlen ist.)
- Nach Möglichkeit beim Summen kauen. Die Kaubewegung sollte dabei auf eine vertikale Art ausgeführt werden, so dass sich der Unterkiefer bewegt und der Unterkiefermuskel (Masseter) gedehnt wird. (Manche Menschen kauen mit einer seitlichen Bewegung – das ist hier nicht hilfreich.)
- Wahrnehmen, inwiefern sich über die Kaubewegung der Klang und eventuelle Körpergefühle ändern.
Vielleicht kribbelt es jetzt schon in der Nase oder der Klang wirkt “dichter” als vorher. Denn durch die Kaubewegung ändert sich der Raum im Mund und Sänger haben die Möglichkeit, die unterschiedlichen Klangqualitäten und eventuell auch Körperwahrnehmung zu vergleichen. Dabei scheint die Stimme Resonanz zu mögen: Ich beobachte oft, dass sich nach einigen Klangänderungen der Klang genau in der Variante mit gutem Stimmsitz stabilisiert. Die Stimme sucht sich gerne einen für sie angenehmen und unaufwendigen Weg und scheint den in der Resonanz zu finden.
Nasenatmung für Nasenresonanz
Hier noch eine weitere Hilfe, wie man sich dem Stimmsitz nähern kann.
Ob man durch Mund oder Nase einatmet, hängt von verschiedenen Kriterien ab. Beides hat meiner Meinung nach seine Berechtigung. Jetzt möchten wir ganz gezielt durch die Nase einatmen und zwar mit folgendem Auftrag:
Weg der Luft spüren – Einatmung
Durch die Nase einatmen und dabei versuchen, den Weg der Luft zu spüren. Beginnend mit dem kühlen Lufthauch an den Nasenflügeln, dann Wahrnehmen der Luft in der Nase. Dann spüren, wie sie weiter den Weg in den Körper findet, hinten aus der Nase in den Rachen fließt und dann wieder hinunter zu Hals, Kehlkopf und Lunge.
Manche Menschen können nur Teile dieses Weges spüren. Das macht nicht und kann über die Vorstellung ergänzt werden.
Man kann dieses Bild des Einatemwegs noch etwas erweitern, indem man sich vorstellt, dass die Luft von der Nase aus sogar durch den Kopf (durch die Stirnhöhlen, quasi über die Schädeldecke) fließt. Das vereinfacht das Wahrnehmen der Resonanzen beim Singen von höheren Tönen. Aber dazu kommen wir später.
Weg der Luft spüren – Ausatmung
Wenn man durch die Nase eingeatmet hat und den Weg erspürt, dann ist der nächste Schritt, auf dem gleichen Weg durch die Nase wieder auszuatmen. Dabei kann man die Luft vom Rachen in die Nase lenken oder sich sogar noch den Umweg über den Kopf vorstellen. Im Bild fließt dann die Luft über den Kopf nach außen.
Weg des Summens lenken
Anschließend kann man beim Summen durch die Nase einatmen und sich dann vorstellen, dass man den Klang wieder “rückwärts” über den Kopf durch die Nase nach außen summt.
So entsteht oft eine Resonanz, also Stimmsitz.
Wie kann man Resonanzen im Körper spüren?
Und wie merke ich jetzt, ob ich Resonanz, Stimmsitz gefunden habe?
Kribbeln und Vibrieren zeigen den Stimmsitz
Wie oben bereits erwähnt, ist etwas, das vielen Sängern hilft und dass viele Menschen gut spüren können, ein Kribbeln in der Nase. Ein bisschen kitzelt es wie kurz vor dem Niesreflex. Andere Wahrnehmungen sind z.B. Kitzeln an den Lippen, Vibrieren an den Wangenknochen, an der Stirn oder im Kopf.
Manchmal gibt es aber auch starkes Vibrieren im Hals oder gar Gefühle von Enge und Druck. Man kann es nicht oft genug betonen: Der Hals soll sich immer frei und entspannt anfühlen! Wenn hier Druck entsteht, dann wird der Stimmsitz – wenn vorhanden – technisch nicht richtig erzeugt. Mehr dazu, wie man den Hals entspannt, gibt es im nächsten Kapitel (Vokaltrakt – Öffnung).
Woher weiß ein Sänger, ob die gefühlten Vibrationen/Schwingungen “gut” sind? Gewünscht sind Empfindungen, die ungefähr oberhalb der Linie von Mund und Ohren liegen. Ganz pauschal vereinfacht. Wenn es drunter viel schwingt und drüber nicht, dann fehlt obere Resonanz.
Und was ist, wenn es gar keine Vibrationsgefühle gibt?
Es ist sehr unterschiedlich, wie ausgeprägt die Körperwahrnehmung bei Menschen ist. Während manche jede kleinste Regung spüren, nehmen andere über Jahre hinweg sehr wenig war. In einem gewissen Maße kann man die Körperwahrnehmung schulen. In folgendem Artikel habe ich ein paar Tipps dazu zusammengefasst:
Und ansonsten kann eventuell die Vorstellungskraft helfen, indem man sich einfach vorstellt, dass sich etwas “so und so anfühlen könnte”. Der Körper in seiner “geheimnisvollen Weisheit” 😉 lenkt dann manchmal tatsächlich “den Ton an die gewünschte Stelle”.
Wie kann man sauber intoniert singen?
Für Menschen, die sich noch nie mit Gesangstechnik und Resonanzen im Körper spüren beschäftigt haben, klingen solche Erklärungen oft entweder unglaublich, wie Zauberei oder schlicht ein bisschen verrückt ;-). Aber tatsächlich funktioniert unser Körper oft auf für unseren Verstand unbegreiflichen Ebenen. (Kleine Anmerkung: Ich beschäftige mich immer öfter mit neuropsychologischen Abläufen im Gehirn und das Wechselspiel zwischen linker und rechter Gehirnhälfte ist sowohl sehr faszinierend als erklärt auch für mich teilweise, warum bzw. wie scheinbar unbegreifliche Dinge beim Singen doch funktionieren.)
Wenn das Thema Kopf-/Nasenresonanz soweit verstanden ist, dass diese Vibrationen bei entspanntem Hals erzeugt und gefühlt werden können, dann kann man beginnen, mit ihnen zu arbeiten.
Man kann über die reine Vorstellungskraft diese Vibrationsempfindungen verschieben. So kann man sie höher in den Kopf lenken, weiter nach vorne, weiter nach hinten, mehr in Richtung Nase oder Lippen usw. Für erfahrene Sänger ist es sogar möglich, diese Empfindungen aus dem Kopf nach draußen über den Kopf oder vor die Stirn zu ziehen. Wie gesagt: Das klingt sehr merkwürdig, aber nach einer gewissen Übungszeit erzählen mir viele meiner Schüler irgendwann, dass sie ihre Stimme außerhalb des Kopfes spüren.
Über dieses Lenken der Empfindungen, sozusagen das Verschieben des Stimmsitzes, kann man die Intonation steuern. Denn wenn z.B. “obere Resonanz” fehlt, dann klingt ein Ton außen zu tief. Die Lösung ist jetzt nicht, ihn über den Hals nach oben zu schieben, also die Tonhöhe verändern zu wollen. Das führt zu Druck und zu Verspannungen. Der Ansatz ist, dass bei gleichbleibender Tonhöhe und entspanntem Hals die Kopfresonanz erhöht wird bzw. das Gefühl des Stimmsitzes etwas weiter nach vorne oder oben versetzt wird. Auch die Brustresonanz, über die wir bisher nicht gesprochen haben, muss für einen ausgeglichenen, sauberen Ton eventuell mit einbezogen werden. Darüber spreche ich in späteren Abschnitten.
Dieses Lenken bedarf natürlich sehr viel Erfahrung und braucht auch vermutlich zunächst einen erfahrenen Gesangslehrer, der als “äußeres Ohr” dienen kann. Sind die Grundprinzipien aber einmal verstanden, dann können Sänger Töne so oft sehr gut lenken und sauber platzieren.
Es gibt noch einen weiteren Aspekt von Intonation und das meint die Linie in einer Tonfolge. Selbst wenn alle Töne grundsätzlich sauber sind, so klingt die Linie unsauber, wenn sich Stimmsitz, Resonanzverhalten und/oder Klangqualität ändert. Mit einem Gefühl für Stimmsitz und Resonanz kann man Töne auch innerlich wie “auf eine Linie” setzen, so dass der vor allem in der Klassik gewünscht Effekt von “Tönen, die wie auf einer Perlenschnur aufgereiht sind” entstehen kann.
Übungen für Stimmsitz
Hier ein paar Übungsbeispiele:
Übung “Glissando – Summen”
In der folgenden Übung geht es darum, das freie Summen von weiter oben auf Tonhöhe zu bringen.
“Seufz-Quinte”

Wie bei einem kleinen kurzen Seufzen „fällt“ der Ton ganz leicht von oben nach unten. Ohne Druck, ohne „richtiges Singen“.
Das Summen soll zart und leise sein. Es geht darum, den Sitz des Tones spüren zu lernen. Der “Text” der Übung ist “Hmmm”. Das bedeutet, dass zunächst ganz sanft Luft ausströmt – vergleichbar damit, dass man ein “h” singt. Aber völlig ohne Druck und Akzent. Auf diesen sanften kurzen Luftstrom setzt man das gesummte “mmm”, so dass es leise, leicht und ohne Druck fließen kann. Der Ton wird von hoch oben (über dem Kopf, von hinten) leicht angesetzt und im Glissando nach vorne unten gebracht.
Alternative: Gerade für Anfänger und Sänger, die ohne Unterricht selbständig mit den Übungen arbeiten, kann das Summen schwierig sein. Nicht richtig eingesetzt kann es zu Verspannungen im Hals und einem “gequetschten” Klang und Gefühl führen. Alternativ kann daher diese Übung auf auf den Laut “ng” (vergleichbar in “Zunge”) gesungen werden mit offenem Mund. Auch auf dem Weg in die Höhe kann zunächst ng verwendet werden, wenn bei hmm noch ein Engegefühl entsteht.
Summen auf Quint- oder Oktav-Glissando
Die kurze Seufz-Übung von oben wird jetzt erweitert, so dass auch der Weg nach oben einmal geübt wird:

Die Übung kann erweitert und angepasst werden. Folgende Varianten sind z.B. sinnvoll:
- Summen auf Quinte wie beschrieben
- Summen auf Oktave
- statt “m” summen auf w, ng oder n
Übung “ni-ni-ni – Terz”
Bei der folgenden Übung geht es darum, die Stimme mit “schmaler, runder Mundform” ganz weit nach vorne zu bringen. Der Hals ist entspannt, es wird nicht zu laut gesungen. Es geht hier darum, dass die Stimme quasi ein bisschen “nach vorne pickst”, um Stimmsitz zu finden. Diese Übung ist besonders für tiefere Mittellage und Mittellage geeignet und sollte nicht zu hoch gesungen werden. Gerade Soprane im “Sopranloch” zwischen c1 und e1 kann diese Übung sehr unterstützen, ihre Stimme in dieser oft schwierigen Lage zu finden.

Silben:
- ni-ni-ni-ni ni-ni-ni-ni ni
- ni-ni-ni-ni nö-nö-nö-nö no
Mehr erfahren?
Wenn Sie gerne mehr über Gesangstechnik und Singen lernen erfahren möchten, dann finden Sie im Blog Gesangstechnik weitere Artikel:

