Warum sollte man beim Singen den Hals entspannen?
Wie kann man das erreichen?
Was bedeutet Öffnung?
Mit diesen Themen beschäftigen wir uns in diesem Artikel.

Es gibt beim Singen ein sehr wichtiges Kriterium: Der Hals sollte IMMER entspannt sein! Was meine ich damit? Natürlich arbeiten viele Muskeln in der Halsgegend beim Gesang, aber es ist wichtig, dass sei frei und flexibel agieren können und nicht etwa die Stimme durch Verspannungen blockieren.
Der Kehlkopf
Der Kehlkopf ist durch ein komplexes Muskelsystem im Hals frei aufgehängt. Dadurch kann er sich z.B. beim Schlucken bewegen. Probiert es einfach aus:
Schlucken – Bewegung nach oben
Man legt eine Hand auf den Hals – ungefähr in der Mitte. Vor allem bei Männern kann man den Kehlkopf oft deutlich spüren. Dann einmal Schlucken. Jetzt gibt es gleich zwei Erfahrungswerte: Wenn sich beim Schlucken nichts bewegt hat, dann war es noch nicht der Kehlkopf ;-). Dann einfach die Hand ein bisschen verschieben. Und wenn man die Schluckbewegung wahrnimmt, dann kann man spüren, wie beweglich der Kehlkopf ist. Beim Schlucken geht er so weit nach oben, dass man ihn meistens kurz mit der Hand gar nicht mehr spüren kann.
Gähnen – Bewegung nach unten
Und dann möchten wir die andere Bewegungsrichtung erkunden: Beim Gähnen wandert der Kehlkopf tief nach unten. Auch das gerne mit der Hand auf dem Hals einmal ausprobieren und nachspüren.
Position beim Singen
Beim Singen möchten wir nicht, dass der Kehlkopf ständig rauf und runter wandert. Stattdessen wünschen wir uns, dass er in einer bestimmten Position fast unverändert bleibt. Wichtig ist dabei, dass der Kehlkopf nicht dort festgehalten werden darf! Bei einer entspannten Muskulatur im Hals nimmt er die gewünschte Position in einem gewissen Maße von alleine ein. Dabei beeinflusst man die Stellung des Kehlkopfes natürlich, aber man orientiert sich z.B. an Resonanz und Klangfarbe. Man stellt nicht bewusst den Kehlkopf auf eine Höhe und hält ihn dort fest! Das würde zu Verspannungen führen.
Im klassischen Gesang sucht man z.B. einen relativ tief gestellten Kehlkopf und findet diese Position über das Erarbeiten des runden, vollen Klangs. In populären Gesangsstilen ermöglicht ein etwas höher gestellter Kehlkopf eine für das Mikrophon oft sinnvollere Obertonstruktur in der Stimme.
Offener Hals
Wie eben schon angedeutet, unterscheidet sich die “Form” des Vokaltraktes im Hals je nachdem, welchen Gesangsstil man gerne singen möchte. Ich bin aber eine große Freundin davon, meinen Schülerin möglichst viel Flexibilität beizubringen und sehe gleichzeitig, wieviel auch Popsängern das Trainieren einer weiteren Öffnung im Hals helfen kann. Von daher empfehle ich diese Übungen allen Sängern, auch wenn sie vor allem für den klassischen Gesang unabdingbar sind.
Gähnen “in die Weite”
In der oberen Gähn-Übung ging es vor allem darum, wahrzunehmen, wie sich der Kehlkopf nach unten absenkt. Jetzt möchten wir den Fokus auf die im Hals entstehende Weite legen. Dazu variieren wir die Übung ganz leicht. Es soll jetzt zunächst so gegähnt werden, als versuche man es zu unterdrücken bzw. es zu verstecken. Typischerweise gähnt man hinter einer vorgehaltenen Hand so, dass sich der Mund außen nur ein kleines bisschen öffnet, aber innen im Mundraum langsam aber sicher immer mehr Platz entsteht. Das Gaumensegel hebt sich, der Kehlkopf beginnt zu sinken und es entsteht ein Gefühl von “viel Raum” im Hals. Dieser Raum lässt sich auch als “Weite im Hals” wahrnehmen.
Vokaltrakt-Öffnung im klassischen Gesang
Diese Variante ist die, die wir für den klassischen Gesang benötigen. Das bedeutet also, der Gaumen hebt sich etwas an, der Kehlkopf sinkt, während ein weites Gefühl im Rachenraum entsteht. Die Mundöffnung ist dabei gar nicht besonders groß.
Das ist eine allgemeine Grundidee. Diese wird insofern verfeinert, dass diese Öffnung und Form für verschiedene Tonhöhen unterschiedlich ist und in einem gewissen Maße auch auf Dynamik und Artikulation reagiert. Mehr dazu auch im Artikel “Vokaltrakt – Rundung”.
Diese Öffnung kann auch zu groß werden! Auch für den klassischen Gesang! Das bedeute dann automatisch, dass der Stimmsitz verloren geht, weil die “Form der Resonanzräume” nicht mehr stimmt.
Öffnung beim Einatmen
Man nimmt die Idee der Öffnung mit in die Einatmung. Das bedeutet einerseits, dass man beim Einatmen ein kleines bisschen an die eben beschriebene “versteckte Gähnposition” denkt, um Raum und Weite zu erzeugen. Aber gleichzeitig bedeutet es auch, dass sich die Stimmlippen (Stimmbänder) beim Einatmen vollständig öffnen.
Wie funktioniert das?
Ich beginne die Erklärung umgekehrt: Wie funktioniert es nicht?
Im Yoga gibt es den Ujjayi-Atem, auch Meeresrauschen-Atmen genannt. Dabei verengt man die Stimmritze, so dass ein leicht rauschendes Geräusch entsteht. Genau das möchten wir beim Singen NICHT! 😉
Um die Öffnung der Stimmlippen zu trainieren, kann man z.B. zunächst versuchen, ein Rauschen zu erzeugen. Und dann denkt man an Gähnen, an Weite im Hals und versucht, ohne ein Geräusch einzuatmen. Wenn der Atem leise und ruhig einströmt, dann waren die Stimmlippen geöffnet, es gab kein Hindernis für die einströmende Luft.
Anmerkung:
Ein Geräusch kann beim Einatmen auch entstehen, wenn die Luft nicht durch die muskulär erzeugte Weite über ein Vakuum in der Lunge einströmen kann, sondern wenn sie “nach innen gezogen wird” wie bei einem Staubsauger. Auch das ist beim Singen zu vermeiden!
Übungen zur Öffnung
Mit dem Vokal “u” kann man gut entspannte Öffnung in der Tiefe trainieren. Das “u” ist dabei kein “ehrliches, deutsches u”, sondern es ist eine Mischung aus “u” und “o” und ein sehr offener Klang.
Übung tiefes u für Öffnung
“Tiefster Ton”
Singen Sie auf einem möglichst tiefen Ton ein leises “u”. Suchen Sie den tiefsten Ton, den Sie so singen können. Der Ton bleibt leise, gerne hauchig und darf keinesfalls laut oder mit Druck gesungen werden. Jetzt kann man Weite im Hals spüren.
“Quinte abwärts”
Auf eine Tonleiter abwärts wird auf einem weiten offenen u die Weite im Hals gesucht und gespürt. Die Übung bleibt leise und wird halbtonweise abwärts transponiert. So tief singen, wie möglich. Bei den sehr tiefen Tönen ganz entspannt, leise, weich und gerne luftig singen.

“Oktav-Glissando”
Analog zu oben. Leise und offen bleiben. Die Übung kann auch auf u-o-a gesungen werden.

Gähnübung für Öffnung
Auf Gähnen kann man auch singen. Das klingt sehr lustig, trainiert aber gut die Weite im Hals. Hier ein Beispiel, das abwärts transponiert wird. Nur so tief, wie es angenehm ist.

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