Vokaltrakt – Rundung und Lippen

Was bedeutet “Rundung” beim Singen?
Was haben die Lippen mit Rundung zu tun?
Wie erzeugt man einen klaren Klang – ohne Kratzen und Störgeräusche?

Über diese und andere Fragen werde ich in diesem Artikel berichten.

rundung
Foto: pexels-gergo

Es gibt viele verschiedene Gesangsstile und der gewünschte Klang ist letztlich Geschmacksache.

Die in diesem Artikel vorgestellten Ideen und Übungen sind vor allem für den klassischen Gesang unabdingbar. Aber ich bringe allen Sängern zunächst bei “geradeaus zu singen”, wie ich es nenne. Es geht zuerst darum, einen “Grundklang” mit einer gesunden Technik zu entwickeln, von dem aus man dann z.B. die Klangfarbe entsprechend des Musikstils anpassen kann.

Während in den “Muskelfunktionsübungen” in Abschnitt 1 des Gesangstechnik-Blogs Übungen verwendet werden, die eher “geräuschhaft” sind und nicht den beim Singen gewünschten Klang, sondern die Muskelfunktion trainieren, geht es jetzt darum, einen “schönen Singklang” zu finden.

Von Kratzen zum klaren Klang

Viele Sänger singen mit einer Enge im Hals. Wie man sich diesem Thema annähert, um den Hals zu entspannen und zu öffnen, habe ich im Artikel Vokaltrakt – Kehlkopf und Öffnung beschrieben.

Aber selbst, wenn es gelingt, den Hals etwas weiter offen zu halten, bleibt der Ton oft eng, manchmal luftig oder kratzig. Es entsteht einfach kein “schöner, reiner” Klang.

Um einen klaren, offenen, wohlklingenden Ton zu erzeugen, benötigen wir eine gewissen “Form im Vokaltrakt” – die Vokaltraktgestalt.

Akustik

Man kann sich den Mundraum ein bisschen vorstellen wie einen Konzertsaal, in dem ein Akustiker bestimmte Panels anbringt, um die Akustik möglichst gut auf musikalische Darbietungen abzustimmen. Man kann einen Raumklang stark verändern, wenn man z.B. Teppiche verlegt oder dicke Vorhänge an die Wände hängt.

Ähnlich sieht es mit unserem Mundraum aus: Hier geht es allerdings natürlich nicht darum, etwas hinzuzufügen oder wegzunehmen. Im Vokaltrakt möchten wir über die innere Form einen Resonanzraum erzeugen, um bestimmte Frequenzen zu verstärken. Es gibt ausgiebige Untersuchungen über die Verstärkung gewisser so genannter Formanten (Obertöne), auf die ich jetzt nicht genauer eingehen werde.

Wir bleiben auf einer hoffentlich allgemein verständlichen Ebene und da beschreibe ich diesen inneren Raum wie folgt:

Kugelbild für Rundung

Ich stelle mir beim Singen vor, ich hätte eine Kugel im Mund. Diese Kugel ist flexibel und kann größer und kleiner werden und im fortgeschrittenen Stadium kann man dieses Bild auf verschiedene Arten erweitern. Aber im ersten Anlauf genügt die Vorstellung, dass etwas im Mund ist, was eine innere Öffnung “erzwingt”.

Früher wurde oft mit dem Bild gearbeitet, man solle singen, als hätte man eine heiße Kartoffel im Mund. Das erzeugt tatsächlich ein sehr ähnliches Ergebnis. Probieren Sie es gerne aus: Wenn man an die heiße Kartoffel denkt, zieht man sofort den Gaumen hoch und die Zunge runter, um möglichst viel Platz zu schaffen, sodass nur wenige Stellen das heiße Gemüse berühren.

Das Bild der Kugel bringt etwas mehr Ruhe ins Geschehen ;-). Und wie ich im weiteren Verlauf zeigen werde, ist es flexibler einsetzbar. Aber mit dem Kartoffel-Bild entsteht eine große Öffnung, die vor allem für den klassischen Gesang sehr hilfreich sein kann.

Rundung im Mundraum

Wenn man sich vorstellt, man hätte eine Kugel im Mund, dann gehen die Zahnreihen von Ober- und Unterkiefer weiter auseinander, der weiche Gaumen hebt sich etwas nach oben an und die Zunge legt sich tief, eventuell leicht gewölbt im Unterkiefer ab.
Damit entsteht ein Gefühl von Rundung im Mundraum.

Mundöffnung über Kugelbild

Sobald man sich eine größere Kugel vorstellt, entsteht mehr Platz im Mund. Irgendwann öffnet sich der Kiefer so weit, dass sich auch der Mund öffnet. Bleibt man “im Kugelbild”, dann öffnet sich der Kiefer auf eine zum Singen sehr günstige Art, nämlich “von hinten nach vorne”. Diese Mundöffnung entsteht vom Kiefergelenk aus und die Lippen öffnen erst am Ende, soweit, wie es nötig ist. Öffnet man den Mund “einfach so”, was typischerweise geschieht, wenn z.B. Chorleiter die Sänger bitten, den Mund weiter aufzumachen, dann wird oft von den Lippen ausgehend von vorne nach hinten geöffnet. Probieren Sie es selbst aus: Dabei öffnet sich der Mund vorne, aber im hinteren Bereich von Gaumen und Kiefergelenk, findet keine Öffnung, sondern sogar ein stärkeres Schließen statt. Deshalb ist es so wichtig, WIE man den Mund beim Singen öffnet und das Kugelbild lenkt in die gewünschte Richtung.

Kugelgröße und Tonhöhen

Für Anfänger genügt es, zunächst überhaupt zu üben, mit dem Kugelbild zu arbeiten.

Für fortgeschrittene Sänger ist es aber wichtig zu wissen, dass die Größe und auch die Position der Kugel abhängig von der Tonhöhe ist.
Da dieses Kugelbild sehr stark von meinen eigenen Erfahrungen geprägt ist, sind diese Empfehlungen vor allem für Frauen. Männer können vieles analog übernehmen, aber Details in den Übergängen können sich unterscheiden und die Tonlagen müssen entsprechend angepasst werden.

Ganz kurz zusammengefasst:

  • in der Mittellage: mittelgroße Kugel, relativ weit vorne im Mund
  • in der Höhe: große bis sehr große Kugel, mittig im Mund – für extrem hohe Töne sogar hinten im Rachen
  • im “unteren Passagio” – etwa c1-e1: ganz kleine Kugel, sehr weit vorne im Mund
  • im “oberen Passagio” – je nach Sängerin etwa d1-g2: sehr sauberes “Rangieren” der Kugel aus der Mitte in die Höhe, von der Nase über die Stirn in den Kopf. Die Kugel wird möglicherweise/vermutlich zwischendurch kleiner, bevor sie sich in der Höhe wieder entfaltet

Lippen und Rundung

Nachdem wir über die Rundung IM Mund gesprochen haben, ist es nötig, und noch den Ausgang des Mundes – also die Lippen – anzuschauen.

Sobald ein Gesangslehrer erklärt, wie man die Lippen formen soll, beginnen viele Sänger sehr gut gemeint sehr bemüht eine für sie völlig unnatürliche Lippenhaltung einzunehmen. Deshalb an dieser Stelle ein wichtiger Punkt: Die Lippen dürfen nie fest und verspannt sein!!

Lippenrundung am Beispiel “o”

Schauen wir uns zunächst die Form der Lippen beim Vokal “o” an, der auch im Mundraum von den meisten Sängern als besonders “rund” wahrgenommen wird. Bei einem “o” sind die Lippen in einer runden Form – sie sehen auch aus wie ein “o” ;-). Die Mundwinkel zeigen mit einer leichten Spannung nach vorne, die Mitte der oberen und der unteren Lippe sind locker entspannt und es ist etwas Platz zwischen Lippe und Zähnen. Alle diese drei Punkte sind wichtig für den Gesang. Deshalb hier nochmal zusammengefasst:

3 Parameter zur Lippenform

  • Mundwinkel leichter Zug nach vorne (Gegenrichtung zum Lächeln)
  • “Mittlerer Teil” der Lippen ist locker und entspannt
  • Es gibt Platz zwischen Lippen und Zähnen.

Erst über diese zusätzliche Lippenform entsteht ein runder Klang. Es ist zu empfehlen, diese Form einerseits vor dem Spiegel zu üben und andererseits immer wieder hineinzuspüren, wie die Lippen sich anfühlen. Das Ziel (über das am Anfang alle meine Schüler lachen 😉 ), ist, dass sich diese Form irgendwann ganz natürlich anfühlt. 😉 Solange es sich verkrampft und verspannt anfühlt, stimmt etwas nicht!

Unterstützung zur Lippenrundung

Wenn die Mundwinkel immer zur Seite ausweichen wollen (lächeln), dann kann man die beiden Zeigefinger sanft seitlich an die Wangen legen. Und zwar so, dass der Knöchel kurz vor dem Ohr ist und der Fingernagel am Mundwinkel. Durch diese sanfte Unterstützung werden die Mundwinkel “animiert, vorne zu bleiben”.

Test – Sind die Lippen locker?

Um zu prüfen, ob Spannung auf den Lippen ist, kann man mit einem Finger leicht die Mitte der Lippe antippen. Wenn sie sich leicht hin und her bewegen lässt, dann ist sie locker. Falls sie fest ist, kann man es auf diese Art deutlich spüren. (Vergleich Kinderspiel “Geräusch von sich geben, Lippen locker zusammen, mit Finger an Lippenmitte ‘wackeln’ und dadurch das Geräusch verändern.” – Das ist schwierig zu erklären, irgendwann gibt es hierzu ein Video :-). )

Lippenrundung bei anderen Vokalen

“o” ist rund – da stimmen denke ich alle Sänger zu. “u” auch, wenn die Form auch minimal abweicht.

Und jetzt wird es schon schwieriger. Was ist mit “a”. Und gar “e” und “i”?

Wie ich im Artikel Vokalausgleich beschreibe, haben die Vokale natürlich unterschiedliche Eigenschaften und es geht im Gesang (vor allem in der Klassik) später darum, die Vokale aneinander anzugleichen. Aber die oben stehenden 3 Parameter zur Lippenform gelten tatsächlich für alle Vokale. Bei “i” möchten die Mundwinkel sehr gerne nach außen wandern, aber wenn man in einer runden “o”-ähnlichen Form bleibt, dann kann in Inneren ein runderer, vollerer Klang entstehen.

Ausnahmen

Lächeltechnik und Übungszwecke

Früher wurde oft mit der “Lächeltechnik” gearbeitet. Über ein Lächeln lassen sich hohe Töne gerade für Sopranistinnen oft leichter erreichen. Durch das Lächeln ziehen sich die Wangen etwas nach oben der Klang wandert “höher in den Kopf”. Bei dieser Technik werden die Mundwinkel ganz bewusst nach außen gezogen.

Aus Übungszwecken für bestimmte Dinge kann das sehr hilfreich sein. Da das Lächeln aber Spannung auf die Mundwinkel/Lippen bringt und dadurch auch etwas mehr Spannung in Richtung Hals entsteht, würde ich empfehlen, grundsätzlich zur Lippenrundung zurück zu gehen.

Die Erfahrungen, die man beim Lächeln gemacht hat, kann man versuchen, wie folgt auf den runden Klang zu übertragen: Beim Lächeln fühlen sich die “Bäckchen” “belebt” an. Sie sind etwas nach oben gezogen und man kann sie auch als leicht hervorgehoben spüren. Es ist möglich, diese “Bäckchenaktivität” auch mit runden Mundwinkeln beizubehalten. Manchmal verwendet man auch das Bild eines inneren Lächelns. All das kann helfen, die notwendige Aktivität trotz Lippenrundung zu erhalten bzw. zu erzeugen.

Gesangsstile

Ich empfehle eine leichte Lippenrundung als Grundeinstellung für alle Sänger. Aber dann ist es gerade für fortgeschrittene Sänger gut und wichtig, auch mal bewusst davon abzuweichen.

Klassischer Gesang

Hier einige Beispiele dafür, wie z.B. im klassischen Gesang die Mundform der Situation angepasst werden kann:

Wenn im klassischen Gesang sehr hohe und laute (dramatische) Töne gesungen werden, z.B. in der Oper, dann öffnet sich der Mund sehr weit – wie bei einem Löwen, könnte man sagen. Hier ist oft nichts mehr von Lippenrundung zu sehen, sondern es wird maximaler Raum benötigt und dadurch werden bei einer wehr weiten Mundöffnung auch die Mundwinkel nach außen aufgedehnt.

Manchmal lässt sich ein hoher leiser ton im Pianissimo tatsächlich mit lächelnden Mundwinkeln präziser ansetzen und dann können fortgeschrittene Sänger selbstverständlich gut diese Variante nutzen.

Populäre Gesangsstile

In den populären Gesangsstilen gibt es zunächst eine große Bandbreite an Klängen. Es sind nicht nur “schöne, reine Töne” erwünscht, sondern es darf auch gehaucht und gekratzt werden.

Für manche Klänge ist es von daher vielleicht sogar notwendig, andere Lippenpositionen zu verwenden.

So ist z.B. für einen “Belting-Klang” unter Umständen ein sogenannter “Biss” notwendig, in dem man den Klang über den Unterkiefer stabilisiert und die Mundwinkel sich ähnlich wie beim lauten, hohen klassischen Klang “nach außen dehnen”, um mehr Raum zu schaffen.

Übungen zur Rundung

In den folgenden Übungen geht es darum, einen runden, klaren Klang zu finden.

Es bieten sich vor allem zunächst die Vokale “u” und “o” an.

Halteton

Man kann gut mit einem Halteton starten und einfach auf einem einzelnen Ton in einer bequemen Lage versuchen, einen runden Klang auf “u” oder “o” zu erzeugen. Dabei kann man mit der Mund- und Lippenform spielen und so unterschiedliche Klangergebnisse beobachten und vergleichen.

3 Töne

Von einem Ton lässt sich die Übung gut auf 3 Töne erweitern, indem man in der Tonleiter drei aufeinanderfolgende Töne “u” oder “o” auf und abwärts singt. In C-Dur wären das “c – d – e – d – c” (Notenbild folgt).

Jo-Quintdreiklang

Der folgende Quintdreiklang wird legato gebunden gesungen und halbtonweise nach oben und wieder abwärts transponiert.

Ich empfehle jetzt Konsonanten dazu zu nehmen und zwar entweder nur vor dem ersten Ton oder wie im Bild gezeigt auf den Tönen Nr. 1, 3 und 5.

Statt “Jo” bieten sich auch folgende Silbenkombinationen sehr gut an:

  • juuu und ju-ju-ju
  • moooo und mo-mo-mo
  • mo-a-mo-a-mo
  • jo-a-jo-a-jo
  • momm-momm-momm-momm-momm

Beim Wechsel von “o” zu “a” spüren viele Sänger einen großen Klangunterschied. Mehr dazu im Artikel Vokalausgleich.

Mehr erfahren?

Ich hoffe, Sie hatten Freude mit diesem Artikel und konnten etwas mehr darüber erfahren, wie man runde, lange Töne produzieren kann.

Wenn Sie gerne mehr über Gesangstechnik und Singen lernen erfahren möchten, dann finden Sie im Blog Gesangstechnik weitere Artikel:

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