Wie kann ich beim Singen deutlich artikulieren?
Inwiefern helfen Konsonanten dem Stimmsitz?
Was haben Konsonanten mit Stütze zu tun?
Mit diesen Fragen werden wir uns im folgenden Text beschäftigen.

Dieser Artikel verwendet Grundlagen aus den Beiträgen Stimmsitz, Vokaltrakt, Zunge und Stütze.
Neben den Vokalen stellt auch das Singen von Konsonanten Sänger oft vor gewisse Schwierigkeiten. Je nachdem, wie Konsonanten erzeugt werden, kann es sein, dass sie Sänger so behindern, dass singen auf Text kaum möglich ist. In anderen Fällen ist die Sprache beim Singen völlig unverständlich. Richtig gebildet und eingesetzt können Konsonanten aber ein wunderbares Hilfsmittel für Sänger sein, um einen besseren Stimmsitz und einen klaren, besser gestützten Klang zu finden.
Zunge
Für die Bildung von Konsonanten ist vor allem die Zunge zuständig, die sich frei, flexibel und agil im Mundraum bewegen sollte. (Im Gegensatz dazu steht die „faule Zunge“, wie sie im Artikel Die Zunge beim Singen beschrieben wird.)
Bild für Artikulation
Es kann sinnvoll sein, sich die Zungenposition für einzelne Konsonanten detailliert anzuschauen. Aber zum Einstieg nutze ich ein allgemeines Bild für die Artikulation:
Man kann sich vorstellen, der Mundraum wäre in einen vorderen und einen hinteren Bereich aufgeteilt. Im vorderen Bereich findet die hauptsächliche Artikulation durch Zungenbewegungen statt. Der hintere Bereich dient dazu, Weite und Entspannung im Hals zu erzeugen und zu behalten. (s. Vokaltrakt)
Beispiel „La“:
Bei „L“ liegt die Zungenspitze hinter den oberen Schneidezähnen. Bei „A“ bewegt sich die Zungenspitze nach unten hinter die unteren Schneidezähne. Bei „A“ kann man fühlen, dass die Zunge entspannt im Mundraum liegt. Wir wünschen uns, dass der hintere Teil der Zunge bei „L“ unverändert entspannt bleibt, wie es bei „A“ (hoffentlich) der Fall ist. Nur die Zungenspitze wandert hoch und runter und so erzeugen wir die Silbe „La“.
Manche Menschen drücken aber beim „L“ die Zunge auch im mittleren/hinteren Bereich nach oben in Richtung Gaumen. Dann entsteht einerseits zu viel Spannung in der Zunge und im Hals. Und andererseits wird dadurch der Wechsel von einem Laut zum nächsten zu aufwändig, zu kompliziert.
Effiziente Bewegungen
Beim Singen (und Sprechen) wünschen wir uns möglichst kleine, effiziente Wege, um von einem Laut zum nächsten zu gelangen. Nur so ist eine klare, schnelle, gut artikulierte Sprache möglich. Sind die Bewegungen zwischen den einzelnen Positionen für die verschiedenen Vokale und Konsonanten zu groß, dann wird die Sprache langsam, schwerfällig und klingt eventuell „vernuschelt“.
Besonders beim Singen kommt die Thematik dazu, dass der Vokaltrakt durch zu große Muskelbewegungen bei der Artikulation daran gehindert wird, die optimale Form für einen gut resonierenden, frei klingenden Ton zu bilden. Stattdessen ist manchmal „die Zunge im Weg“ oder es entstehen Verspannungen im Hals, die den Klang (und das Wohlgefühl) stören.
Konsonanten und Stimmsitz
Die Bildung der Konsonanten entscheidet maßgeblich mit, ob Sänger einen guten Stimmsitz finden können.
Werden Konsonanten weit hinten im Rachen artikuliert, dann „rutscht die Stimme in den Hals“.
Harter und weicher Gaumen
Wenn man mit der Zunge über den Gaumen streicht, dann kann man spüren, dass es vorne hinter den oberen Schneidezähnen einen harten Wulst gibt, dann spürt man beim weiter nach hinten streichen den harten Gaumen und dann kann man wahrnehmen, wie er weiter hinten weich wird. Dieser weiche hintere Bereich ist beweglich und geht ins Gaumensegel über.
Konsonanten „G“ und „K“
Ein typisches Beispiel für zu weit hinten artikulierte Konsonanten sind „G“ und „K“. In vielen Dialekten werden diese Laute weit hinten im Mundraum erzeugt, was einen kehligen, dunklen Klang beim Sprechen mit sich bringt. Diese regionalen Färbungen sind meistens auch bei Hochdeutsch sprechenden Menschen erhalten und zu bemerken.
Die Zunge sich sollte für „G“ in der Mitte nach oben wölben (Zungenspitze hinter den unteren Schneidezähnen) und den harten Gaumen berühren. Als Gefühl würde ich „die Mitte des Gaumens“ ansteuern.
Wenn die Zunge das „G“ über Kontakt zum weichen Gaumen bildet, dann ist das zu weit hinten. Der Vokaltrakt kann nicht offen bleiben, die „Luftsäule wird behindert“ und der gesungene Ton rutscht nach hinten.
Wird das „G“ am harten Gaumen gebildet, dann ist die Zunge aktiver (muss sich mehr anstrengen als bei einer Bildung am weichen Gaumen) und „geht hinten im Hals aus dem Weg“, so dass der Klang frei strömen kann. Dadurch entsteht direkt ein etwas besserer Stimmsitz.
“K” ist die stimmlose Version von “G” und von daher gelten diese Dinge für “K” analog genauso.
Konsonanten als Stimmsitzhelfer
Einige Konsonanten sind besonders günstig, um den Stimmsitz zu verbessern, da sie die Stimme „nach vorne bringen“. Hier ein paar Beispiele:
- „L“ und „D“ werden mit der Zungenspitze hinter den oberen Schneidezähnen am Zahndamm gebildet. Die Zunge hat also einen Kontakt weit vorne im Mund, wodurch die Sprache insgesamt weiter nach vorne kommt.
- Summlaute wie wie „M“, „N“ ermöglichen es dem Sänger, leichter Resonanzen zu spüren und zu erzeugen. Auch über Resonanz kann man die Stimme „nach vorne bringen“ (S. Artikel Stimmsitz)
- „B“ und „P“ werden mit den Lippen gebildet, was bei „knackiger“ Artikulation die Stimme auch nach vorne bringt. „P“ hat dabei als Plosiv noch weitere hilfreiche Eigenschaften, auf die ich gleich eingehen werde.
Konsonanten und Stütze
Überschrift Plosive p, t, k
Wenn wir einen Plosiv-Laut bilden, dann entsteht ein „Verschluss“ und ein „Luftstau“ vor dem eigentlichen Klang.
Was bedeutet das?
Wenn wir ein „P“ bilden möchten, dann verschließen wir kurz unsere Lippen komplett. Gleichzeitig bauen wir einen höheren Luftdruck hinter den Lippen auf. Beim Öffnen der Lippen kommt das „P“ „explosionsartig“ aus dem Mund.
Wie stark diese „Explosion“ ist und ob sie dem Gesang hilft, hängt von verschiedenen Faktoren ab:
- Ist der Lippenverschluss zu weich, dann ist auch der Konsonant weich artikuliert und nicht prägnant. Wir möchten keine fest zusammengepressten Lippen, aber einen kurzen „knackigen“ Verschluss.
- Hält der Verschluss vorne „dicht“ (ist also stark genug), dann kann hinter den Lippen Druck aufgebaut werden. Die wichtige Frage ist hier: wie baut man diesen Druck auf? Die einfache Antwort: NICHT aus dem Hals!
- Wie im Artikel Stütze beschrieben, benötigen wir die Fähigkeit, bei entspannt offenem Hals aus dem Bauch heraus Druck aufzubauen. Zu stützen eben.
Übung Luftsäule und Stütze bei Plosiven spüren
Man bildet einen Plosiv-Laut, wie z.B. „T“. Dazu stellt man den Verschluss her (in diesem Fall Zunge an Zähne und Zahndamm) und löst nicht direkt auf.
Druckaufbau
Jetzt konzentriert man sich auf den Druckaufbau. Also Hals bewusst entspannen, Brustkorb weit halten, über den Unterbauch sanft Druck erzeugen. Und dann zunächst einmal spüren, wie sich dieser Druckaufbau anfühlt. Kann man den Verschlusspunkt im Mund/Lippen spüren? Ist der Hals offen und entspannt? Wie fühlen sich die Rippen an? Sind sie weit? Wird die Spannung im Bauch gehalten? Oder wird der Druck doch an einer anderen Stelle erzeugt?
„Explosion“
Und dann lösen und denn Klang entstehen lassen. Wie kommt er aus dem Mund? Weich und langsam? Oder schnell und „feurig“?
Was reagiert im Körper mit? Gibt es doch Druck im Hals? Was macht der Bauch?
In diesem Moment gibt es noch eine weitere Körperstelle zu erspüren. Und zwar zuckt bei der „Explosion“ im Idealfall unterhalb der Rippen noch etwas nach außen. Und das schauen wir uns jetzt genauer an.
Zwerchfell
(Anmerkung: die folgenden Bilder sind teilweise anatomisch nicht ganz korrekt, was das Zwerchfell angeht. Als sängerische Vorstellung ist diese Beschreibung aber sehr sinnvoll und so werde ich sie hier verwenden.)
Trampolin
Ich stelle mir das Zwerchfell gerne als Trampolin vor. Die Rippen sind der Rand, der das Fell (Zwerchfell) aufspannt. Ein Trampolin ist im Unterschied zu festem stabilen Boden ein flexibler, dehnbarer Untergrund. Man kann darauf stehen, darauf Wippen oder auch Springen.
Unser Sängertrampolin hat noch ein „Zusatzfeature“: über die Rippenmuskulatur können wir das Fell straffer spannen oder auch entspannen.
Lockeres Zwerchfell: Hecheln
Um ein erstes Gefühl für das Zwerchfell zu bekommen, empfehle ich die Hechel-Übung.
Viele Menschen können nicht hecheln – oft, weil der Bauch/Körper verspannt ist und sich nicht in diese schwingende/federnde Bewegung fallen lassen kann. Falls es nicht gut funktioniert, kann man zunächst versuchen, ganz langsam zu hecheln, um die grundsätzliche Bewegung zu erfühlen.
Wenn es geht, dann kann man beim schnelleren Hecheln spüren, wie „etwas im Bauch wackelt“. Da “schwingt” das Zwerchfell – es bewegt sich also sehr schnell zwischen Positionen für Ein- und Ausatmung (was Anspannung und Entspannung entspricht) hin und her.
Beim Hecheln atmen wir im Wechsel schnell ein und aus. Es ist also nicht eine fortlaufende Ausatmung mit Pausen, sondern in den Pausen atmet der Körper nach. Wenn das Zwerchfell nach unten “schwingt”, atmen wir ein, wenn es nach oben schwingt, atmen wir aus.
Die Hechel-Übung dient vor allem dazu, “Lockerheit” im Zwerchfell zu erzeugen und zu trainieren und die Schwingung des Zwerchfells wahrnehmen zu lernen.
Bilder zur Unterstützung:
- wie ein Hund bei heißem Wetter hecheln: leicht vorne überbeugen, Zunge raushängen lassen, hecheln, dann klappt es oft besser.
- Hecheln ist wie Wippen auf unserem inneren Trampolin.
- Leicht auf der Stelle auf und ab Wippen beim Hecheln. Das kann den Körper lockern.
Bewegung spüren
Beim Hecheln kann man (mindestens) zwei Bewegungen spüren:
- wenn man die Hände seitlich unter die Rippen legt, gibt es dort ein Bewegung im Rhythmus des Hechelns
- Wenn man eine Hand auf den Solarplexus legt (weiche Stelle im Dreieck unterhalb des Brustbeins), dann spürt man auch dort eine Bewegung
Druckaufbau und Entspannung: Übung s – s – s
Bei der s-s-s-Übung stößt man mehrfach (z.B. 10, 15, 20 mal) hintereinander auf ein “S“ die Luft aus. Zwischen den „S“-Lauten entspannt der Körper und atmet „unwillkürlich“ nach. Diese Übung ist dem Hecheln sehr ähnlich, allerdings ist Hecheln ein “ungeschütztes Schwingen”, während wir bei s-s-s die Stützbewegung üben und wahrnehmen wollen. Hier geht es also nicht mehr nur um das lockere Schwingen, sondern auch darum, den Wechsel zwischen Druckaufbau und Entspannung im Zwerchfell spüren zu lernen.
Wir beobachten wieder zwei die beiden Körperstellen ähnlich zum Hecheln:
- wenn man die Hände seitlich unter die Rippen legt, gibt es dort ein Bewegung im Rhythmus des S-s-s. Nachspüren, in welche Richtung diese Bewegung geht. Wir wünschen uns, dass man bei „S“ „ein nach außen Zucken“ spürt, gefolgt von einer Entspannung.
- Wenn man eine Hand auf den Solarplexus legt (weiche Stelle im Dreieck unterhalb des Brustbeins), dann spürt man auch dort eine Bewegung. Diese sollte bei „S“ leicht nach außen gehen.
Trampolinbild
Als sängerisches Bild beschreibe ich, man würde auf einem Trampolin stärker Wippen oder sogar leicht springen. Beim „abdrücken“ (das „S“) sinkt man tiefer ins Trampolinnetz ein. Der Rand muss also mehr Spannung halten.
Beim Sprung oder beim Wippen in der Phase mit nur leichtem Kontakt (entspricht dem Moment der unwillkürlichen Einatmung zwischen den „S“) entspannt sich das Trampolinnetz wieder und geht in seine Ursprungsposition zurück bzw. schwingt kurz weiter in die “Entspannungsrichtung”.
Anatomisch stark vereinfach stelle ich mir die Übertragung auf den Körper wie folgt vor:
- “S” ist das “Abdrücken”: Dabei entsteht ein höherer Druck aufs Zwerchfell, das (bzw. mithelfende Muskulatur) dadurch unterhalb der Rippen und am Solarplexus nach außen zuckt. Das ist auf dem Trampolin der Moment, wenn man “tief einsinkt”. Die Rippen – entsprechend dem Rand – müssen mehr Spannung halten. Wir fühlen diese Spannung manchmal auch wie einen Ring um den Bauch in der Höhe der unteren Rippen nach außen zucken. Die Bauchmuskulatur wird durch diesen Druckaufbau ebenfalls aktiviert und trainiert. Es lässt sich ein starker Kontakt bzw. eine gute Verbindung zum oberen Widerstand spüren, wie ich es im Artikel Stütze erklärt habe.
- Nach dem Abdrücken kommt die “Flugphase”. Der Druck löst sich, der Fuß löst sich vom Trampolin, das Netz kann wieder entspannen. Analog löst sich der Druck vom Zwerchfell, es schnellt in seine Ausgangs-Entspannungslage zurück, um sofort reflektorisch die nächste Einatmung zu ermöglichen, bei der es sich wieder etwas komprimiert.
Bewegungsrichtung
Falls die Rippen noch nicht nach außen zucken, sondern nach innen – was sehr häufig vorkommt – oder keine deutliche Bewegung wahrnehmbar ist, dann kann die folgende Übung helfen:
Man drückt beide Hände einigermaßen stark von außen gegen die unteren Rippenbögen. Dann atmet man tief ein und lässt die Luft auf ein kräftiges lautes „sss“ entweichen. Dabei versucht man, mit dem sss-Luftstrom die Rippen nach außen gegen die Hände zu schieben. So kann man die Bewegungsrichtung fühlen lernen.
Anmerkung: diese Übung dient rein dazu, die Richtung der Bewegung zu trainieren. Wenn die Rippen beim Singen eine so starke Bewegung nach außen ausführen, dann ist der aufgebaute Druck zu groß und kann für die Stimme schädlich sein.
Übung p – t – k
Die s-s-s – Übung kann auch auf “p-t-k” geübt werden und zwar auf zwei Arten:
- Entweder wird p-t-k analog zum s-s-s so geübt, dass zwischen allen Konsonanten eine kurze Zwischenatmung stattfindet – ähnlich wie beim Hecheln.
- Oder die Übung wird wie folgt aufgebaut: p-t-k atmen p-t-k atmen p-t-k-… Dann wird statt dem ständigen komplett Hin- und Her-Schwingen ein “Aufbau” trainiert. Nach “p” findet nur eine kleine Entspannung mit reflektorischer Mini-Nachatmung statt, die Spannung wird bei “t” erhöht, bei “k” weiter erhöht und dafür folgt dann auf die im Vergleich zur anderen Übung längeren Atempause eine bewusste Entspannung des Zwerchfells, bevor die nächste Runde “p-t-k” startet.
Spannung aufbauen und halten: Übung z – z – zzzzzzzz
Ähnlich zu der zweiten “p-t-k”-Version kann eine Übung auf z (bzw. “tz” ) oder auch “s” ausführen.
Dabei folgt auf zweimal kurzes “z” ein lang gezogenes “zzzz”, auf das alle Luft aus der Lunge ausgestoßen wird. Nach den kurzen “z” schwingt das Zwerchfell zurück in die Entspannung und atmet kurz nach. Nach dem langen “zzzz” folgt eine tiefe frische vollständige Einatmung.
Diese Übung dient dazu, dass man Spannung aufbaut und wieder entspannt und dann aber trainiert, die Spannung im langgezogenen “zzz” zu halten. Dieses “zzz” ist nicht wie bei der “sss”-Atemübung dazu da, möglichst lange, leise und gleichmäßig gehalten zu werden. Sondern hier geht es darum, Druck in der Luftsäule aufzubauen, den Widerstand beim Zischen an den Zähnen zu spüren und die Verbindung in den Körper.
Mehr erfahren?
So, das waren ein paar Anregungen und Übungen zum Thema Konsonanten, Zwerchfell und Stütze.
Wenn Sie gerne mehr über Gesangstechnik und Singen lernen erfahren möchten, dann finden Sie im Blog Gesangstechnik weitere Artikel: