Stütze beim Singen

Was bedeutet Stütze?
Wie kann man besser „stützen“ lernen?

Oft spricht man beim Singen vom so genannten „Stützen“. Gleichzeitig wird dieser Begriff aber von vielen Gesangslehrern abgelehnt. Was mit dieser Technik gemeint ist, wie man sie anwendet und wo die Schrierigkeiten liegen, möchte ich in diesem Artikel beschreiben.

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Was ist „Stütze“?

Wie bereits im Artikel Atmung beim Singen beschrieben, ist es beim Singen nötig, die Ausatmung so zu verlangsamen, dass der Luftstrom einen Klang/Ton erzeugen kann. Mit Stütze beschreibt man die Fähigkeit, den Ausatemstrom in Länge und Luftdruck zu kontrollieren.

Stabilität im Klang

Während es uns im ersten Schritt um die Verlängerung der Ausatmung ging, möchten wir nun, etwas mehr „Kraft“ und Stabilität in den gesungenen Ton bringen. Und an der Wortwahl kann man bereits die eventuellen Probleme erahnen: Während sich Singen frei und unangestrengt anhören und anfühlen und der Halsbereich unbedingt entspannt bleiben soll, möchten wir doch einen kraftvollen Ton erzeugen können. Auf dem Weg dahin entstehen oft viele Verspannungen, Verkrampfungen und zu viel Druck.

Alternative Bezeichnungen für Stütze

Der Begriff „Stütze“ symbolisiert rein vom Wort her für viele Menschen etwas statisches, wie z.B. einen Stützpfeiler. Das ist mit der Gesangsstütze allerdings nicht gemeint und von daher beginnt man inzwischen, andere Begriffe zu wählen. Im italienischen spricht man von „appugiare“ – anlehnen. Oft wird auch die Bezeichnung „Unterstützung“ verwendet, die ich persönlich auch sehr passend finde.

3 Varianten von Ausatmung

Wenn wir ein- und wieder ausatmen, gibt es im Bezug auf den Gesang drei Varianten der Ausatmung.

  • Natürliche Ausatmung: Die Luft strömt passiv aus der Lunge aus
  • Verlängerte Ausatmung: über Weithalten der Rippen lassen wir die Luft kontrolliert langsamer ausströmen
  • Gestützte Ausatmung: Der ausgeatmete Luftstrom hat „Kraft“ und kann „Druck aufbauen“ (nicht im Hals!!)

Stützen über den Bauch

“Brustkorb/Oberbauch weit – Unterbauch rein”

Wie in Artikel Atmung beim Singen erklärt, verlangsamt man den Atem, indem man den Brustkorb weit hält (Einatemtendenz). Der untere Bauch geht dabei sanft nach innen. Und genau diese Bereich des Bauches schauen wir uns jetzt genauer an.

Wenn die Luftmenge im Körper durch die Ausatmung geringer wird, wir aber den Brustkorb weit halten möchten, dann muss an einer anderen Körperstelle etwas „zurück gehen“ dürfen. Und von daher erlauben wir dem Unterbauch, der sich bei der Einatmung nach außen gewölbt hat, bei der Ausatmung wieder „nach innen zu sinken“.

Im zweiten Schritt, in dem wir jetzt eine Stütze etablieren wollen, aktivieren wir dieses Bauch einziehen bewusst. Der Unterbauch wird dabei unterhalb des Nabels eingezogen – langsam und gleichmäßig, ohne Stocken. (Sehr anschaulich beschrieben von Cathrine Sadolin im Buch Complete Vocal Technique.) Wichtig ist mir zu erwähnen, dass der Bauch NICHT am Nabel eingezogen wird! Dort haben wir viel Kraft und erzeugen durch einen zu hohen Luftdruck beim Singen sofort Druck auf der Stimme.

Falls die Stelle, an der man den Bauch einzieht, schwierig zu finden ist, kann man „den Beckenboden hochziehen“. Dazu stellt man sich z.B. vor, dass man im Unterbauch einen Fahrstuhl nach oben fahren lässt. Dann kann man beobachten, dass der untere Bauch leicht nach innen geht. Mit etwas Training ist es möglich, diesen unteren Bauchbereich auch einzeln anzusprechen und einzuziehen.

Auch die Arbeit mit der Beckenbodenmuskulatur ist beim Singen durchaus üblich und sinnvoll – vor allem beim Singen von hohen Tönen.

Luftdruck

Die Kunst beim Singen ist es u.a., genau den richtigen Luftdruck zu erzeugen, so dass die Stimmlippen den gewünschten Klang erzeugen können.

Subglottischer Luftdruck und Bernoulli-Effekt

Dazu ein kurzer Ausflug in die Theorie der Tonerzeugung an den Stimmlippen (Stimmbänder):

  • Beim Einatmen öffnen sich die Stimmbänder.
  • Beim Ausatmen oder Singen strömt die Ausatemluft an den Stimmbändern vorbei.
  • Durch den sogenannten Bernoulli-Effekt (XXX Link) werden die Stimmbänder näher aneinander gezogen, bis sie (fast)schließen.
  • Da die Stimmbänder jetzt (annähernd) geschlossen sind, aus der Lunge aber weiter Luft nach oben möchte, entsteht ein Druck unterhalb der Stimmbänder – der „subglottische Luftdruck“.
  • Der Druck steigt, je länger der Verschluss andauert und sobald der Druck hoch genug geworden ist, öffnen sich die Stimmbänder wieder und der Prozess startet von Neuem.

Dieser Ablauf beschreibt eine Schwingung. Die Stimmbänder schwingen in sehr schneller Abfolge auf diese Art, die Frequenz des Tones gibt dabei die Häufigkeit an. Beim „Kammerton a“ mit 440Hz schwingen die Stimmlippen 440 Mal pro Sekunde!

Weitere Interessante Infos zu Stimme und Schwingung finden sich in folgendem Artikel: Das Geheimnis unserer Stimme.pdf.

Luftdruck dosieren

Die Höhe des subglottischen Luftdrucks steuert das Schwingungsverhalten der Stimmlippen und beeinflusst, inwieweit sich die Stimmbänder öffnen und schließen. Damit hat der Luftdruck einen entscheidenden Einfluss auf den erzeugten Klang. Und den Luftdruck regulieren wir über die Stütze.

Hier ein paar Beispiele:

  • Wenn wir auf natürliche Weise ausatmen und das geräuschlos geschieht, dann sind die Stimmlippen auch bei der Ausatmung geöffnet.
  • Beim Singen ohne Stütze ist der Luftdruck niedrig. Dadurch entsteht oft ein hauchiger Ton, weil die Stimmbänder im Schwingungsablauf nicht komplett schließen. 
  • Beim Singen mit zu hohem Luftdruck entsteht zu viel Spannung im Hals. Bildliche Vorstellung: Der hohe Druck „pustet“ die Stimmbänder quasi auseinander. Dadurch wird der natürliche Schwingungsprozess gestört. Es fühlt sich so an, als würde die Stimmlippen, statt frei schwingen zu können, von Halsmuskeln gegen den von unten drückenden, öffnenden Luftdruck zusammengehalten/zusammengedrückt werden müssen. Der Klang wird oft sehr dicht, manchmal laut und scheinbar stabil und das klingt für mich so, als würden die Stimmbänder stärker schließen, als sie es „von alleine“ tun würden. Sänger spüren Druck im Hals, werden schnell stimmmüde und heiser und bekommen manchmal sogar Halsschmerzen vom Singen.
  •  Bei passendem subglottischem Luftdruck entsteht ein schwingender, „dichter“ Klang, der sich im Hals für den Sänger angenehm und entspannt anfühlt.

Zusammenspiel Ein- und Ausatmenaktivität

Wie von Gerhard Faulstich in seinem Buch Singen lehren – Singen lernen erklärt, kann man sich das Verhältnis von Ein- und Ausatmungsaktivität wie folgt vorstellen:

Zu Beginn einer (Ausatem-)Phrase ist viel Luft und viel Luftdruck vorhanden. Da wir zum Singen einen konstanten Luftstrom benötigen, ist es jetzt also wichtig, die Ausatemluft zu bremsen. Dazu konzentrieren wir uns auf das Weithalten der Rippen und die Einatemtendenz (s. Artikel Atmung beim Singen).

Es kommt der Punkt, an dem so viel Luft die Lunge verlassen hat, dass es sich für Sänger so anfühlt, dass sie wenig Luft zur Verfügung haben und nur noch schwer einen höheren subglottischen Luftdruck erzeugen können. Ab dieser Stelle kommt der Bauch ins Spiel. Während Oberbauch (zu fühlen am Solarplexus) und Rippen stets weit gehalten werden, wird der Unterbauch jetzt gezielt langsam nach innen gezogen. Dadurch kann mehr Luftdruck aufgebaut werden. Hier kommt jetzt die Ausatemmuskulatur ins Spiel, die hilft, auch noch “den letzten Rest Luft” aus der Lunge verwenden zu können.

Widerstandsbild und Stimmsitz

Blasinstrumente

Viele Sänger haben eine relativ schlechte Atemtechnik. Im Gegensatz dazu haben sehr viele Instrumentalisten, die Blasinstrumente spielen, eine sehr gute Atemtechnik. Wie lässt sich das erklären?

Ein Erklärungsansatz ist wie folgt:

Ein Bläser hat ein stabiles Instrument, in das er “pusten” kann. Dieses/r “Ansatzrohr/Resonanzraum” ist unveränderlich. Dadurch ist es für den Instrumentalisten möglich, so lange mit seiner Atmung und eventuell noch Position von Zunge/Lippen zu experimentieren, bis er einen guten Klang erzeugt. Dabei hat er immer konkrete Rückmeldungen, ob seine Atmung/Stütze besser funktioniert oder nicht.

Bei Sängern sind “alle Teile” beweglich. Das bedeutet, dass wir den Klang über sehr flexible Resonanzräume (Vokaltrakt) formen. Wenn also Atmung und Stütze nicht ganz optimal funktionieren, dann können Sänger das über Veränderungen in Hals und Mundraum kompensieren. Dadurch ist es für Sänger oft relativ schwierig, eine gute Stütze zu lernen, weil manchmal auf einem zunächst einfacher erscheinenden Weg auch ein einigermaßen schöner/angenehmer Ton entsteht. Während aus der Trompete vielleicht so lange überhaupt kein Ton herauskommt, bis Stütze und Lippenrundung richtig sind.

Widerstand und Luftdruck beim Singen

Warum hilft diese Stabilität des Instruments, um besser stützen zu lernen?

Für einen stabilen Klang (eine stabile Luftsäule) benötigen wir zwei Enden: Ein oberes und ein unteres. Zwischen diesen beiden Enden kann sich ein Druck – eine Stabilität – aufbauen.

Das untere Ende ist die Stütze (dient als “Motor” und Regulierung von Luftfluss/-tempo/-druck). Damit Druck aufgebaut werden kann, benötigt es “auf der anderen Seite” einen Widerstand. Der ist für Sänger oft als “Stimmsitzposition” oder über Verschlusslaute wie “m”, “p”, … wahrnehmbar.

“Beide Enden fehlen”

Fehlen beide Enden, ist der Klang wie oben beschrieben “luftig, weich, ungestützt, unkontrolliert”.

Ein fehlendes Ende kompensieren Sänger häufig über Druck im Hals:

“Unteres Ende fehlt”

So wird z.B., wenn der “Körper (gemeint ist der Rumpf) nicht mitarbeitet” und dadurch keine “Körperstütze” entsteht, oft der Hals verengt. Der Luftfluss wird also nicht über den Bauch/Brustkorb, sondern über die Halsmuskulatur geregelt. Dann stützt man sozusagen aus dem Hals – also quasi vom Hals bis zum oberen Ende (Stimmsitzpunkt). Es entsteht ein stabiler, kräftiger oder auch enger Ton, der aber oft etwas hart und schrill klingt und sich vor allem für den Sänger im Hals sehr unangenehm anfühlt.

“Oberes Ende fehlt”

Wenn “das obere Ende fehlt”, weil z.B. ohne Stimmsitz gesungen wird, dann hilft der Hals mit, indem er eine Enge – also den benötigten Widerstand – erzeugt, durch die im Körper wieder ein Gefühl von Stabilität entstehen kann. Dann stützt der Sänger quasi vom Bauch bis zum Hals. Auch hier ist der Ton manchmal laut und vielleicht schrill, weil der Hals eng ist. Aber hier können auch kratzige, hauchige, “knarzige” Töne entstehen, weil vom Bauch aus viel Luftdruck auf die Stimme ausgeübt wird.

Oberer Widerstand in verschiedenen Fällen

Um Stütze wirklich fühlen zu können, benötigt es einen oberen Widerstand. Hier einige Beispiele, was man dafür wie verwenden kann:

Bsp. Summen

Beim Summen verschließen wir sanft die Lippen und erzeugen so durch den Verschluss einen Widerstand. Wenn wir jetzt aus dem Bauch heraus Unterstützung aufbauen, dann entsteht zwischen diesen beiden Punkten/Enden eine Spannung und damit ein Druckgefühl. Dieses Gefühl ist nicht im Hals!! Sondern lässt sich als Verbindung zwischen Bauch und den Lippen wahrnehmen. Dabei entsteht der Eindruck von einem stabilen, gut kontrollierbaren Klang.

Konsonanten

Viele Konsonanten bieten über einen Verschluss von Lippen/Zunge/Gaumen eine kurze “Enge” und damit einen Widerstand, der vom Sänger sehr gut wahrgenommen werden kann. Mehr dazu im Artikel Konsonanten und Zwerchfell.

Vokale

Um auch beim Singen von Vokalen, die ja keinen Widerstand über einen Lippen-/Zungenverschluss bieten, eine gute Stütze aufbauen zu können, brauchen wir eine andere Orientierung über Resonanzen.

Um diesen “Widerstand für den oberen Teil” auch bei Vokalen aufbauen zu können, kann man versuchen Vibrationsgefühle am Gaumen wahrzunehmen. Im Artikel Vokalausgleich habe ich etwas genauer beschrieben, was mit diesen Vibrationen gemeint ist.
Singt man mit guter Unterstützung, dann kann man die Vibrationen am Gaumen verstärken und dadurch den Stimmsitz stabilisieren. So haben wir wieder einen “oberen Teil” für das Widerstandsbild und es kann sich eine stabile Luftsäule aufbauen.

Weiteres zur Stütze

Dieser Artikel beschreibt die Grundlagen, wie man eine Unterstützung im Körper aufbaut.

Im Artikel Konsonanten und Zwerchfell gehe ich auf die “bewegteren” Aspekte von Stütze ein: Darauf, wie man das Zwerchfell z.B. über Hecheln spüren lernen kann. Darauf, wie die Verwendung von Konsonanten die Stütze begünstigen kann. Und es gibt auch weitere Übungen, um die Muskulatur im Körper, die zum Stützen notwendig ist, zu trainieren.

Übungen zur Stütze

Die Übungen Übung “sss für Luftstrom” und “Wind und Sturm” aus dem Artikel Atmung beim Singen können jetzt so erweitert werden, dass bei den “Sturm-Stellen” und gegen Ende der sss-Übung bewusst der Unterbauch angespannt wird, um über die Ausatemmuskulatur den Luftstrom zu intensivieren bzw. zu verlängern.

Ebenso kann beim Summen (s. Artikel Stimmsitz und Intonation und weiter oben im Text) auf ein Gefühl von Verbindung zwischen Bauch und Lippenresonanz geachtet werden.

Weitere Übungen, die verschiedene Varianten von “s” oder auch plosive Konsonanten wie “p, t, k” verwenden, beschreibe ich im Artikel Konsonanten und Zwerchfell.

Mehr erfahren?

Wenn Sie gerne mehr über Gesangstechnik und Singen lernen erfahren möchten, dann finden Sie im Blog Gesangstechnik weitere Artikel:

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